Laudatio von Robert von Lucius Korrespondent FAZ Jürgen Schadeberg Foto-Mentor von zwei Generationen Nelson Mandela schaut 1994 in sich gekehrt durch Gitterstäbe aus der Zelle, in der er auf Robben Island vor Kapstadt inhaftiert war. Die Photographer’s Gallery in London wählte dieses Foto zu einem der eindrucksvollsten des vergangenen Jahrhunderts. Das Ungewöhnliche: Der Fotograf Jürgen Schadeberg hatte Mandela auch 52 Jahre davor fotografiert in seiner Anwaltskanzlei in Johannesburg, lange bevor er zum wohl meistbewunderten lebenden Staatsmann wurde. Die gleiche Weitsicht gelang ihm, als er Große des südafrikanischen Jazz von Miriam Makeba über Hugh Masekela bis Dolly Rathebe aufnahm, als „niemand“ die just Zwanzigjährigen kannte, und dann ein halbes Jahrhundert später wieder. Kein Fotograf hat die Fotogeschichte Südafrikas stärker geprägt als Schadeberg, der im jungen Alter aus Deutschland auswanderte und als Cheffotograf bei „Drum“ anheuerte. Er wurde zum Mentor von zwei Generationen schwarzer und auch weißer Fotografen. Mit seinen Bildgeschichten aus dem schwarzen Südafrika machte er Drum in den Fünfzigern rasch zur einflussreichsten gesellschaftskritischen Zeitschrift des südlichen Afrika. Der Spielfilm „Drum“ schildert vor zwei Jahren die Lebensgeschichte dieses ebenso mutigen wie bescheidenen Fotografen, der zu Lebzeiten zur Legende wurde. Er war in Townships und deren Kneipen zuhause, in die sich sonst Weiße nicht trauten und als sich kaum ein Weißer für das schwarze Leben interessierte. Damit half er dem schwarzen Südafrika neben seiner äußeren zu einer inneren Befreiung durch die Besinnung auf seine Wurzeln und seine Würde. Seine Bilder spiegeln Lebensfreude, innere Kraft und Widerstandswille gegen die Herrschaft der Apartheid. Lange schien er wenig beachtet; jetzt aber ist er so gefragt wie nie. In Südafrika, Frankreich, Italien, Großbritannien und vor allem seinem Geburtsland eilt er von einer Ausstellung seiner Fotos zur nächsten. In Hamburg vermittelte er 250 Fotografen und Hochschullehrern beim „Freelens“-Kongress seine Erfahrung. Dort zählte zu den Zuhörern der hannoversche Hochschullehrer Rolf Nobel, der Hannover mit seinem für den kommenden Juni geplanten Fotofestival zur „Hauptstadt des jungen Fotojournalismus“ machen möchte. Welch besseren Platz gibt es so für die Fotos des damals jungen Jürgen Schadeberg als im jungen Medienhaus in Hannover in Anwesenheit mehrerer junger Fotojournalisten. Es dürfte wohl keinen anderen Fotografen der Welt geben, der über 56 Jahre hinweg Musik und Menschen mit der Linse begleitete und ihnen Gesicht gab. Mit seiner doppelten Leidenschaft für die Schwarz-Weiß-Fotografie und für Jazz widerspiegelt Schadeberg das Lebensgefühl einer Generation. Unbefangen, unkonventionell, listig, vorurteilslos, leidenschaftlich – ohne diese Eigenschaften des jungen Berliners sähe unser Bild der Townshipkultur anders aus. Ihm gelangen Bilder, die über die Schablone gut/böse, schwarz/weiß hinausgingen. Schadeberg fing die Atmosphäre jener Welt ein. Stimmung und Wesen interessierte und bewegte ihn, nicht die Tagespolitik; sowie Kraft und Energie, weniger Elend oder vermeintliche Idylle. Die Kraft seiner Bilder war und ist ungebrochen. Der junge unbekümmerte Cheffotograf des „Drum“ gab Schwarzen ihre Stimme und das Gefühl, sich selbst in den Fotos wiederzuerkennen, die er von 1951 bis 1959 aufnahm. Jürgen Schadeberg sah Bilder, die andere übersahen, die nur in vorgefertigten Kategorien dachten. Dabei hatte der Sohn einer Schauspielerin zu dieser Welt eher zufällig gefunden, und gewiss nicht als politischer Aktivist, der er nie war, sondern über „seine“ Musik, den Jazz. In Berlin hatte Schadeberg die Grundbegriffe seines Fachs erlernt. Er nahm als Zwölfjähriger sein erstes Foto – in einem Luftschutzkeller gen Ende des Zweiten Weltkriegs. Dort hörte er Musik, trank sein erstes Bier. Öfters kam er auf dieses Erlebnis zurück, eine Aufbruchstimmung inmitten der Bedrängnis. In den Townships um Johannesburg herum, vor allem in dem „multirassischen“ Sophiatown, spürte er diese eindringliche Atmosphäre wieder. Dort wurde getanzt, trotz Alkoholverbots kräftig getrunken, mit glitzernden gewagten Kleidern, Hollywoodstreifen und Swing amerikanisches Erbe gepflegt. Damals empfand er sich als Teil der verlorenen Generation. Er wollte eine Gesellschaft und ein Vaterland verlassen, die er „gelernt hatte zu verabscheuen, zu hassen“. Mit einer Kamera und mageren Englisch-Kenntnissen bestieg er voller Zuversicht 1950 einen Dampfer nach Kapstadt und wunderte sich, dass es im Süden Afrikas keine Tiger gab. Schon bald merkt er – er scheut nicht, sich selber als blauäugig zu bezeichnen – verstört, dass es in Südafrika den gleichen Rassismus, die gleiche Menschenverachtung gibt, der er just entkommen wollte. Dazu kam, dass das weiße städtische Leben in Johannesburg mit Teestuben, Kricketspielen und dem Kinobesuch als Höhepunkt der Woche schlicht langweilig fand. Bei seinem Wechsel nach Südafrika habe er einen Kulturschock erlebt, sagte er einmal – aber nicht durch die schwarze Welt, die er als ebenso fröhlich empfand wie damals die deutsche, sondern bei den Weißen mit deren kolonialen Attitüden. Zudem fand er nicht andere Arbeit - an kritischen Fotoreportagen waren weiße Arbeitgeber nicht interessiert. Viele Weiße hielten sich von ihm fern oder stuften ihn gar ein als „verrückt“. Und das, obwohl er dem damals in Südafrika kaum existierenden Fotojournalismus eine Grundlage bot – den konventionellen Fotografen fehlte neben dem Ehrgeiz, dem Blick, der Erfahrung und der Unbefangenheit auch die technische Ausrüstung, über die Schadeberg verfügte, und seine seltene Fähigkeit „zu verschwinden“. Auch wenn er die Kamera im Anschlag hat, scheint es, als sei er nicht da - genau das, was er anstrebt. Zudem schien er vielen distanziert-kühl, auch wenn er in entscheidenden Momenten seine Emotionalität nicht verbergen kann. Der „Alfred Eisenstaedt Südafrikas“ war dort, wohin sich andere Weiße nicht trauten, fühlte sich dabei wohl und erwarb Vertrauen in Jahren gegenseitigen Misstrauens. Musik, Tanz, Kneipenleben und Frohsinn trotz aller Unbill waren seine Welt, mehr als Polizei, Unterdrückung, Ausbeutung. Dabei fielen schon mal spöttisch-liebevolle Kernsätze als Motto von Drum wie „Lebe schnell, sterbe jung und habe eine gut aussehende Leiche“. Eine Kulturgeschichte Sophiatowns (dem von der Regierung abgerissenen Township, in dem sich Freigeister aller Art und Farbe tummelten und wohlfühlten) erhielt danach den ungewöhnlichen Titel „Eine gut aussehende Leiche“. Dass die Gefahr reell war, wussten alle und machten trotzdem mit. Johannesburg, Soweto, Sophiatown – das „schwarze Paris“ - war die Stadt des Jazz, aber auch der Tsotsi, rivalisierender Gangsterbanden. In jenen „goldenen Jahren“ lag die Mordrate am Goldgürtel um Johannesburg herum neunmal höher als in Chicago. Trotz aller Freude am überschäumenden Leben übersah Schadeberg Unterdrückung und Elend nie – die Passgesetze und die minderwertige „Bantuerziehung“, das Mischehenverbot und Zwangsvertreibungen, die Gewalt von außen und innen, die Armut und die Bandenkriege. Er war Mitbegründer des Drum-Stils, Kultur und Politik zu verbinden und damit einen Nährboden zu schaffen für die Denkrichtung des „schwarzen Selbstbewusstseins“, die eine unerlässliche Rolle spielte im Widerstand um Steve Biko herum und den Schüleraufstand in Soweto 1976. Stets war er auf der Seite der Benachteiligten und Entrechteten, wofür er Unbill und Schmähungen litt und mehrere Festnahmen. Er nahm Fotos von der Trauerfeier für die beim Sharpeville-Massaker 1960 von Polizisten Erschossenen oder von Misshandlungen auf Farmen, die erstmals erniedrigende Zustände beweisbar der Welt zeigten. Seine Jazzfotos sind so legendär wie er selber. Erstmals hat er sie in einem just erschienen Bildband zusammengestellt Anrührend ist, Thandi Klaasen als junge aufreizende Sängerin 1959 zu sehen bei Proben für „King Kong“, Südafrikas erster Jazzoper. Auf der gegenüberliegenden Bildseite 41 Jahre später ist sie gezeichnet vom Alter und einem Unfall und dennoch selbstbewusst und stark. Ohne ihn gäbe es wohl nicht Fotos der jungen Miriam Makeba, die später ungekrönte Musikkönigin Afrikas, oder des Teenagers Hugh Masekela in dem Augenblick, in dem er seine erste eigene Trompete geschenkt erhält – jetzt ist er der bedeutendste Trompeter Afrikas. Aufnahmen damals und heute nahm er auch von Dolly Rathebe, die wir anschließend in einem Film sehen gemeinsam mit den einst legendären „African Inkspots“. „In the Heyday of Swing, when life was ok, it was „Dolly“, hieß es in Johannesburg. Sie war in den Fünfzigern Sängerin, Filmstar und Pin-up-Girl. Jetzt ist Dolly Rathebe 80 Jahre alt. Ihre Karriere erlitt einen Bruch, als sie von Gangstern mit einem Messer angegriffen und verletzt wurde. Das erinnert an Lucky Dube, den beliebtesten und erfolgreichsten Reggae-Star Afrikas, der vor wenigen Wochen von Kriminellen erschossen wurde – die Kriminalität in Johannesburg und auch Kapstadt hat viele Opfer auch unter den Künstlern zu beklagen. Schadebergs Wiederentdeckung in seiner Geburtsstadt Berlin hatte Christina Rau, die Frau des früheren Bundespräsidenten, angeregt. Sie stieß bei einem Staatsbesuch ihres Mannes in Pretoria auf seine Bilder und schlug eine Doppelausstellung in Berlin vor, die sie auch eröffnete. In Südafrika rühmt sich der jeweilige deutsche Botschafter des Landsmanns, der auch in den Jahren der Unterdrückung „auf der richtigen Seite stand“ und dafür das Bundesverdienstkreuz erhielt. Als er 1994 aber im Überschwang der ersten demokratischen Wahl am Kap die südafrikanische Staatsangehörigkeit annahm, stempelte ihm eine deutsche Beamtin in Pretoria ein „Ungültig“ in seinen deutschen Pass. Als er ihn wieder beantragte – er wollte sich im thüringischen Mühlhausen, der Stadt seiner Großeltern, ansiedeln –, sagte man dem 76 Jahre alten Berliner, das könne mindestens fünf Jahre dauern. Daraufhin ging er zur französischen Botschaft und erhielt innerhalb von 30 Minuten eine Daueraufenthaltserlaubnis. Nun ist sein zweiter Wohnsitz in der Normandie statt in seinem Heimatland, das ihn nicht will, und mit ihm eines der wichtigsten Fotoarchive seines Landes. Wieder einmal hat die bürokratische Brutalität der Deutschen Urstände gefeiert. Er hatte seine Geburtsstadt Berlin und Deutschland 1950 verlassen. In Johannesburg lehrte er jene Fotografen, die später Väter des schwarzen Fotojournalismus wurden. Lange aber wurde Schadeberg wenig beachtet. Den Weißen war er zu schwarz. Viele Schwarzen sahen ihn, der stets farbenblind war, nur als Weißen. Weiß zu sein, ist derzeit in Südafrika nicht immer von Vorteil. Er zog in den Hochjahren der Apartheid aus Südafrika zurück nach Europa und in die Vereinigten Staaten, wo er lehrte, für europäische und amerikanische Zeitungen und Zeitschriften fotografierte und bemerkenswerte Fotoreportagen etwa in Glasgow und Berlin aufnahm. Derzeit aber erlebt Jürgen Schadeberg eine Renaissance ohnegleichen. Noch nie habe er, berichtete er in Hannover, ein so lebhaftes Jahr gehabt wie 2007. Ebenso turbulent sieht es aus bei der Veröffentlichung seiner Bildbände - in den letzten fünf Jahren mindestens jedes Jahr ein neuer. Seit seinem Hannover-Besuch vor wenigen Monaten erschienen zwei neue, einer in Frankreich. Für Anfang kommenden Jahres plant ein bekannter Kunstbuchverlag einen umfassenden Werkkatalog. Für ihn sei die Musik der Fünfziger, sagt Schadeberg, eine Form des Widerstands gewesen, des Überlebens und ein Symbol der Freiheit. Was er in seiner Bescheidenheit nicht erwähnt: Er war nicht nur Betrachter, sondern auch Anreger. Legendäre Gruppen wie „The African Inkspots“, die auseinander gefallen waren, hatte er in den Neunzigern wieder zusammengebracht. Sie holten ihre Instrumente hervor und kamen zusammen für einige von Schadebergs Videofilmen wie für jenen Film, den wir gleich sehen. ...
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Robert von Lucius (vL.) Geboren am 2. Mai 1949 in Berlin. Mehrjährige Auslandsaufenthalte in Norwegen, Süd- und Südwestafrika (Namibia) – bedingt durch den diplomatischen Beruf des Vaters – prägten die Jugendjahre. Bevor die Zuneigung zum afrikanischen Kontinent durchschlug, studierte er Rechtswissenschaften und später Politologie in Heidelberg und Bonn mit Schwerpunkten im Verfassungs- und Völkerrecht. Nach juristischem Examen assistierte er in Bonn am Kirchenrechtlichen Institut und später am Institut für öffentliches Recht (Rechtsvergleichung). Nach Schreibversuchen als Redakteur der Kapstädter Schulzeitung und in Regionalzeitungen übte er sich in wissenschaftlichen Zeitschriften und Sammelbänden. Ein Büchlein zu Südafrika (1981) entstand vorwiegend auf der Grundlage von Beiträgen für die F.A.Z. Am 1. März 1982 Eintritt in die politische Nachrichtenredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. 1987 wurde er Korrespondent für das südliche Afrika. Seit Juli 1996 betreute er zusätzlich Zentral-, West- und Ostafrika. Im April 2001 kehrte er in die Region seiner frühen Kindheit zurück. Er berichtet aus Stockholm über die nordischen und die baltischen Staaten. Im Juli 2006 wechselte er als politischer Korrespondent nach Hannover, von wo aus er sich Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen zuwenden darf. |
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